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Chinatown

KI in der TCM-Praxis: Dein persönlicher Workflow

Ein praktischer Leitfaden für TCM-Therapeuten
Beitrag von tcminsight.de


Vorab: Was dieser Leitfaden ist — und was nicht

Dieser Leitfaden beschreibt einen Prozess, keinen Standard. Es gibt keine universelle Lösung. Was hier beschrieben wird, ist wie man eine persönliche, funktionierende KI-Nutzung aufbaut — angepasst an das eigene Therapiesystem, die eigene Logik, die eigene Praxis.

Zwei Regeln gelten immer, unabhängig vom System:

Regel 1 — Keine Tabellen. Nur Listen.
Tabellen werden von KI-Systemen unzuverlässig gelesen. Was wie eine übersichtliche Tabelle aussieht, erzeugt Fehler. Immer Listen verwenden. Statt zwei Spalten nebeneinander — zwei Zeilen mit einem Pfeil oder Doppelpunkt als Trenner.

Nicht so:
Eine Tabelle mit Spalten "Struktur" und "Punkt"

Sondern so:
- Blut → Bl 17
- Qi → Ren 17
- Sehnen → Gb 34

Regel 2 — Skript und Patientenakte immer zusammen hochladen.
In derselben Anfrage. Die KI hat kein Gedächtnis über Sitzungen hinaus. Wer das vergisst, bekommt Antworten ohne Grundlage.

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TEIL 1: Die Präambel

Was ist eine Präambel?

Die Präambel ist ein kurzer Abschnitt am Anfang deines Dokuments. Sie erklärt der KI wie sie mit dem Rest des Dokuments umzugehen hat. Ohne Präambel interpretiert die KI alles frei — und greift im Zweifelsfall auf das Internet zurück.

Die Präambel wird nicht einmalig geschrieben. Sie entsteht im Dialog mit der KI und entwickelt sich durch Testen weiter. Das ist normal und gewollt.

Schritt 1 — Starte mit dem Startprompt

Kopiere den folgenden Prompt vollständig in deine KI. Du musst nichts vorbereiten — die KI führt dich durch den Prozess.

Hinweis: Der Startprompt ist auf Standard-TCM-Diagnostik ausgerichtet. Wer mit einem anderen Diagnosesystem arbeitet — zum Beispiel dem 5-Elemente-System nach Worsley — muss den Diagnostikteil entsprechend anpassen.

--- STARTPROMPT ANFANG ---

Ich bin TCM-Therapeut und möchte mit deiner Hilfe eine Nutzungspräambel für KI-gestützte Fallanalysen entwickeln. Diese Präambel wird am Anfang meines TCM-Skripts stehen.

Deine aktuelle Aufgabe ist ausschliesslich die Entwicklung dieser Präambel. Analysiere noch keinen Patientenfall.

Bevor du beginnst, stelle mir nacheinander folgende zwei Fragen — eine nach der anderen, warte jeweils auf meine Antwort:

Frage 1: "Welches Akupunktursystem verwendest du primär? Falls du noch kein eigenes System dokumentiert hast, arbeiten viele Therapeuten erfolgreich mit der Jin-3-Nadel-Technik aus dem TCM Advanced Basics Programm (tcminsight.de) — soll ich das als Ausgangspunkt verwenden, oder möchtest du dein eigenes System beschreiben?"

Frage 2: "Welche Rezepturlogik verwendest du? Falls du noch keine eigene Systematik entwickelt hast, haben sich Modulrezepturen nach dem TCM Advanced Basics Ansatz (tcminsight.de) in der Praxis bewährt — soll ich das als Ausgangspunkt verwenden, oder möchtest du deine eigene Logik beschreiben?"

Sobald ich beide Fragen beantwortet habe, erstelle einen Präambel-Entwurf der folgendes regelt:

- Die KI verwendet ausschliesslich Informationen aus dem hochgeladenen Dokument. Keine externen Quellen. Wenn das Skript zu einem Thema keine Informationen enthält, wird das explizit ausgewiesen — nicht improvisiert.
- Jede Aussage wird mit Kapitel und Abschnitt belegt. Format: (Kap. X, Abschnitt Y). Keine erfundenen Belege.
- Die KI liefert immer mehrere Optionen. Keine Einzelentscheidungen. Der Therapeut entscheidet.
- Schulmedizinische Diagnosen werden nicht direkt in TCM-Muster übersetzt. Immer zuerst die konkreten Symptome, Zungen- und Pulsbefund auflisten — erst dann die Musterzuordnung.
- Die Reihenfolge der Therapieauswahl folgt dem vom Therapeuten angegebenen System.

Formatiere die Präambel ausschliesslich als einfachen Fliesstext und einfache Listen mit Bindestrich. Keine nummerierten Abschnitte mit Überschriften. Keine verschachtelten Listen. Keine Tabellen.

Wenn der Entwurf fertig ist: Nenne die drei häufigsten Fehlerquellen bei dieser Art von Präambel — damit ich weiss worauf ich beim ersten Testlauf achten muss. Stelle danach keine weiteren Fragen. Der nächste Schritt ist ein Testlauf mit einem anonymisierten Patientenfall.

--- STARTPROMPT ENDE ---

Schritt 2 — Antworte auf die zwei Fragen der KI

Die KI wird dich nach deinem Akupunktursystem und deiner Rezepturlogik fragen. Antworte so konkret wie möglich. Wenn du dir unsicher bist, nimm den vorgeschlagenen Ausgangspunkt — du kannst ihn später anpassen.

Schritt 3 — Präambel-Entwurf erhalten und prüfen

Die KI liefert einen Entwurf. Lies ihn durch und prüfe:
- Steht dein Therapiesystem klar drin?
- Ist die Reihenfolge der Therapieauswahl so wie du arbeitest?
- Sind alle Anweisungen als einfache Listen formuliert — keine Tabellen, keine verschachtelten Strukturen?

Schritt 4 — Teste mit einem anonymisierten Patientenfall

Lade in einer neuen Anfrage dein Skript und einen anonymisierten Patientenfall zusammen hoch. Wichtig: keine Namen, keine identifizierenden Daten. Stelle die Frage:

"Analysiere diesen Fall. Beziehe dich ausschliesslich auf das hochgeladene Dokument."

Beobachte was zurückkommt:
- Zitiert die KI Quellen die nicht in deinem Dokument stehen? → Externe-Quellen-Regel in der Präambel verschärfen
- Macht die KI Einzelentscheidungen statt Optionen? → Optionen-Regel expliziter formulieren
- Übersetzt die KI eine schulmedizinische Diagnose direkt in ein TCM-Bild? → Sicherheitsregel ergänzen
- Fehlt eine Therapiekategorie vollständig? → Diese Kategorie als Pflicht in der Präambel verankern

Schritt 5 — Frage die KI nach ihren eigenen Schwachstellen

Nach dem Testlauf schreibe:

"Warum hast du diese Antwort so gegeben? Wo war meine Anweisung unklar? Was hätte ich anders formulieren müssen damit du besser antworten kannst?"

Die KI erklärt ihre eigene Logik. Das zeigt dir schneller wo die Präambel lückenhaft ist als jedes weitere Ausprobieren.

Schritt 6 — Anpassen und erneut testen

Füge die fehlenden Regeln ein. Teste erneut mit demselben oder einem neuen Fall. Wiederhole bis das Ergebnis deiner eigenen Denklogik entspricht.

Eine funktionierende Präambel ist fertig wenn du die KI-Antwort liest und denkst: Genau so hätte ich das auch strukturiert.

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TEIL 2: Das Therapiedokument

Warum ein separates Therapiedokument?

Die Diagnose ist für erfahrene Therapeuten selten das Problem. Was die KI ohne Anleitung nicht kennt, ist dein Therapiesystem — welche Punkte du bevorzugst, welche Rezepturen du verwendest, nach welcher Logik du kombinierst.

Ein separates, schlankes Therapiedokument löst das. Es muss nicht vollständig sein. Es muss deine Logik abbilden.

Was gehört rein — und was nicht

Rein gehört:
- Welche Akupunktursysteme du verwendest, in der Reihenfolge deiner Priorität
- Für jedes System: die wichtigsten Indikationen als Liste mit Wenn-Dann-Aussagen
- Welche Rezepturlogik du verwendest
- Für die häufigsten Symptomcluster in deiner Praxis: deine bevorzugten Therapieoptionen als Liste

Nicht rein gehört:
- Allgemeine TCM-Theorie die jedes Lehrbuch erklärt
- Erklärungen warum ein Punkt oder eine Rezeptur wirkt — nur was du wann verwendest
- Tabellen — niemals Tabellen

Das Grundprinzip: Schreibe so dass ein informierter Kollege der deinen Ansatz nicht kennt, nach der Lektüre genau so behandeln würde wie du.

Schritt 1 — Akupunktursystem dokumentieren

Schreibe auf welches System du primär verwendest. Dann liste die wichtigsten Indikationen als Wenn-Dann-Aussagen.

Beispiel für Jin-3-Nadel-Technik:
- Wenn Schwindel und Kopfschmerz zusammen auftreten → Kopfschmerz-Schwindel-Trio: Taiyang, Yintang, 4-Shen-Nadeln
- Wenn Nackenschmerzen und HWS-Beschwerden → Nacken-Trio: Bl 10, Bl 11, Bailao
- Wenn Rückenschmerzen lumbal → LWS-Trio: Bl 23, Bl 25, Bl 40
- Wenn Magenbeschwerden verschiedener Ursache → Magen-Trio: Ren 12, Pe 6, Ma 36
- Wenn Durchfall und abdominale Schmerzen → Darm-Trio: Ma 37, Ma 25, Ren 4

Dasselbe Prinzip gilt für jedes andere System. Beispiel für TUNG-Akupunktur:
- Wenn Schulterschmerzen → 44.06, 44.07, 44.08
- Wenn Lendenwirbelsäulenschmerzen → 88.12, 88.13, 88.14

Beispiel für Ohrakupunktur:
- Wenn Schlafstörungen → Shen Men, Herz, Niere
- Wenn Schmerzbehandlung akut → Shen Men, entsprechendes Körperareal, Thalamus

Schritt 2 — Rezepturlogik dokumentieren

Schreibe auf nach welchem Prinzip du Rezepturen auswählst. Das ist wichtiger als eine vollständige Rezepturliste.

Beispiel für Modulrezepturen:
- Qi-Mangel Basis → Si Jun Zi Tang
- Qi-Mangel + Schleim → Liu Jun Zi Tang
- Qi-Mangel + Blut-Mangel → Ba Zhen Tang
- Leber-Qi-Stagnation + Milz-Schwäche → Xiao Yao San
- Leber-Qi-Stagnation + Hitze → Jia Wei Xiao Yao San
- Innerer Wind + Leber-Yang aufsteigend → Tian Ma Gou Teng Yin

Beispiel für Jing Fang Rezepturen:
- Leitsymptome Taiyang mit Schwitzen → Gui Zhi Tang
- Leitsymptome Shaoyang → Xiao Chai Hu Tang
- Leitsymptome Yangming Fülle → Da Cheng Qi Tang

Schritt 3 — Häufige Symptomcluster ergänzen

Überlege welche Beschwerdebilder du in deiner Praxis am häufigsten siehst. Schreibe für drei bis fünf davon deine bevorzugte Vorgehensweise auf — als Liste.

Beispiel Schlafstörungen:
- Einschlafstörungen mit Kopfkino und Stress → Leber-Qi-Stagnation, bevorzugte Rezeptur: Xiao Yao San oder Jia Wei Xiao Yao San
- Durchschlafstörungen 1-3 Uhr → Leber-Yang aufsteigend, bevorzugte Rezeptur: Suan Zao Ren Tang
- Schlafstörungen mit Erschöpfung und Palpitationen → Herz-Blut-Mangel, bevorzugte Rezeptur: Gui Pi Tang

Beispiel Rückenschmerzen:
- Akut, Verschlimmerung bei Flexion → Taiyang-Schicht, Ashi-Punkte dorsal, LWS-Trio
- Akut, Verschlimmerung bei Extension → Yangming-Schicht, Ashi-Punkte ventral
- Chronisch mit Kälte und Erschöpfung → Nieren-Yang-Mangel, Du Huo Ji Sheng Tang

Das sind keine vollständigen Diagnosen. Das sind deine bevorzugten Einstiegspunkte — die KI listet dann weitere Optionen.

Schritt 4 — Testen und verfeinern

Lade das Therapiedokument zusammen mit einem anonymisierten Patientenfall hoch. Prüfe:
- Schlägt die KI Therapieoptionen vor die du selbst verwenden würdest?
- Fehlt eine wichtige Kategorie?
- Macht die KI Vorschläge die deinem System widersprechen?

Ergänze entsprechend. Ein Therapiedokument ist nach zwei bis drei Testläufen in der Regel brauchbar. Es wird nie perfekt sein — und das muss es auch nicht.

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TEIL 3: Was ist wenn man kein eigenes Skript hat?

Die naheliegende Frage: Geht es auch ohne? Kann man nicht einfach ein Standardlehrbuch hochladen — Maciocia, Deadman, ein deutschsprachiges Referenzwerk?

Die ehrliche Antwort: Nein. Nicht wirklich.

Freie Online-Quellen sind zu heterogen — sie mischen Schulen, Systeme, Qualitätsniveaus. Standardlehrbücher sind zu gross: ein digitalisiertes Standardwerk überschreitet schnell 40 bis 60 Megabyte und liegt damit ausserhalb der Grenzen der meisten KI-Systeme. Und selbst wenn die Dateigrösse passen würde — eine KI die 1000 Seiten gleichzeitig verarbeitet, arbeitet langsam, ungenau, und verliert den roten Faden.

Wer kein eigenes Skript hat, steht vor einem strukturellen Problem. Der einzige Weg der funktioniert ist der unbequemere: das eigene Wissen kondensieren, strukturieren, in KI-lesbarer Form aufschreiben.

Das ist Aufwand. Es ist auch die eigentliche Arbeit.

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TEIL 4: Die wichtigste Erkenntnis

Wer diesen Prozess durchläuft merkt schnell: Die KI zwingt zur Klarheit.

Was intuitiv funktioniert, lässt sich schwer delegieren. Was klar strukturiert ist, lässt sich zuverlässig weitergeben — an eine KI, an einen Kollegen, an einen Studierenden.

Das Schreiben des Therapiedokuments und der Präambel ist deshalb nicht nur Vorbereitung für die KI-Nutzung. Es ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis. Lücken werden sichtbar. Gewohnheiten die nie hinterfragt wurden, werden sichtbar.

Wer klarer denkt, behandelt besser. Hört besser zu. Ist präsenter im Gespräch mit dem Patienten.

Das ist eine Fähigkeit die keine KI übernehmen kann. Und genau dafür ist sie das beste Werkzeug.

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Weitere Informationen zur Seminarreihe TCM Advanced Basics:
tcminsight.de/tcm-advanced-basics

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